Zwei Jahre


Vor zwei Jahren war ich zum ersten Mal hier. Seitdem bin ich verliebt in Tartu. Wenn mich Leute fragen, wie es mich hierher verschlagen hat, habe ich keine tolle Geschichte zu bieten – es war eine Bauchentscheidung. Eine der besten, die ich je getroffen habe. Ich kam hier an, schlenderte unter den bunten Bäumen des Septembers ins Stadtzentrum mit den historischen Gebäuden. Da fing es an. Drei Monate später war es um mich geschehen, am liebsten wollte ich gar nicht mehr weg. Also kam ich immer wieder.

Vor genau zwei Jahren paukte ich gerade für Pharmakologie, Mikrobiologie und Pferdepropädeutik. Jetzt gehe ich nochmal durch meine Unterlagen über Rinder und mache fleißig Estnisch-Hausaufgaben. Es war nicht besonders aufregend, hier anzukommen, bei Madis einzuziehen und loszuziehen an die Orte, die ich inzwischen so gut kenne – es hat sich angefühlt, als sei ich einfach wieder nach Hause gekommen. Drei Stunden nach meiner Ankunft beginnt es zu schneien und der Schnee bleibt. Ich stapfe durch die Stadt. Da ist eine neue Baustelle. Die in der Rüütlistraße ist dagegen abgeschlossen. Dort ist ein neuer Laden eingezogen. Hier drin wurde umgebaut. Diese Speisekarte wurde geändert.

Auch der Weihnachtsmarkt sieht anders aus als vor zwei Jahren.

Und natürlich sind wieder neue Barkeeper in meiner Lieblingsbar. Aber Mihkel, den ich immer hier treffe, sitzt selbstverständlich auf seinem Stammplatz.
Meine Freunde bringen mich in allen wichtigen Angelegenheiten auf den neuesten Stand. Meiner Lieblingsstatue, Kristjan Jaak Peterson, statte ich einen kurzen Besuch ab.



Es kann losgehen. Drei Wochen in der Suurloomakliinik, der Großtierklinik der Uni, in der ich vor zwei Jahren so viel lernen durfte.
Das obligatorische Schlachthofpraktikum, die zwei Wochen im Veterinäramt und vier Wochen in einer Pferdeklinik habe ich bereits hinter mir auf dem Weg zur Tierärztin – und ich bin bereit für ein bisschen mehr Praxis!
Also rein in den Overall und die Stahlkappengummistiefel, Mütze über die Dreadlocks, ab in den Stall.
Auf der Farm der Eesti Maaülikool gibt es so einige Probleme, was für ein Lehrgut zwar nicht vorbildlich ist, aber zum Lernen eigentlich nicht schlecht. An meinem ersten Tag bin ich als einzige Studentin mit zwei Tierärztinnen, Els und Margit, unterwegs. Auf der Infotafel stehen die Ohrmarkennummern der Tiere, die wir uns angucken müssen. Eine Kuh hat sich einen Schwanzwirbel gebrochen, jetzt soll ein Teil des Schwanzes amputiert werden.
„Marina, hast du schon mal eine Epiduralanästhesie gemacht?“
Nicht nur haben sie sich so schnell meinen Namen gemerkt, als ich verneine, wird mir das Equipment in die Hand gedrückt: „Wunderbar, dann kannst du es jetzt machen!“ Und auch den Rest der Prozedur darf ich unter Anleitung ausführen.
Die nächsten Tage sind zwar ruhig, manchmal sind wir mit vier Studenten und vier Tierärzten auf der Farm, aber unter solcher 1:1-Betreuung dürfen wir Trächtigkeitsuntersuchungen üben, Medikamente applizieren,… Viele Fälle bekommt man zwar nicht zu sehen, aber wenn es etwas zu tun gibt, dürfen wir Studenten es machen. Wenn es keine Wiederkäuerpatienten gibt, gucke ich bei den Pferden zu und darf auch dort mehr, als ich es aus Deutschland gewohnt bin.
Meine Kommilitonen an der Maaülikool müssen ab dem siebten Semester auch mehrmals im Jahr Nacht- und Wochenddienste übernehmen und rufen den Tierarzt nur in Notfällen dazu.
Das Vertrauen in die Studenten ist groß.


Nachmittags auf dem Heimweg rieche ich nach Kuh und bin glücklich.
Ich feuere den Kachelofen an, lese Fallberichte und lerne Estnisch-Vokabeln, bis die beiden Workaholics, bei denen ich wohne, eintreffen. Madis und Linda, die beide für den estnischen Rundfunk arbeiten, bringen immer die neuesten Politik- und Gesellschaftsnachrichten mit, erzählen mir Anekdoten aus der estnischen Geschichte und zeigen mir Musikvideos aus den Neunzigern.


Man könnte fast sagen, Tartu und ich feiern Zweijähriges, als ich abends mit ein paar Freunden losziehe und alle bekannten Gesichter auf estnisch grüße und neuen Leuten vorgestellt werde. Denn manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Stadt auch mich liebt: wenn noch Geld auf meiner Buskarte ist, ich immer noch Stammkundenrabatt im Bioladen bekomme, wenn ich für eine Einheimische gehalten werde, oder wenn meine Mikrobiologie-Dozentin von damals aufgeregt angelaufen kommt – „Oh, you are back!“
Yes, I am back.

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