Das Zweite Jahr, Teil 1: Konferenz

 


Während der Frühling sich noch nicht entschließen kann, nach Estland vorzudringen, packen wir unsere Taschen.

Drei Tage Fortbildung am See Pühajärv für Doktoranden der Immunologie und Virologie. Fast alle sind aus Tartu, ein paar sind aus Schweden angereist. Als wir vor dem Theater Vanemuine in den Bus steigen, der alle gesammelt Richtung Otepää bringen soll, gucken wir uns um. Eine Stunde werden wir gemeinsam in diesem Bus sitzen. Drei Tage im selben Raum verbringen, gemeinsam essen, uns Hotelzimmer teilen. Wir nehmen die Schutzmasken ab – wenn hier einer Covid-19 hat, bekommen wir es sowieso alle.

Was uns alle durch das PhD-Studium begleitet sind die „PhD-Comics“ von Jorge Cham (https://phdcomics.com/), die unser Doktorandenleben so schön auf den Punkt bringen. Einer dieser Comics zeigt, wie man sich je nach Karriereposition auf einer solchen Fortbildung verhält: Doktoranden im ersten Jahr machen sich Notizen und denken, dass sie die nochmal angucken würden. Doktoranden im dritten Jahr haben wissenschaftliche Lektüre dabei und hören kaum zu. PostDocs sitzen gelangweilt herum, weil sie nichts Besseres zu tun haben. Juniorprofessoren hören mit einem Ohr zu und arbeiten nebenbei an mehreren Förderungsanträgen für Forschungsprojekte. Und der Professor sitzt in der letzten Reihe und spielt mit seinem neuesten Technik-Gadget herum.

Ganz so ist es dann doch nicht. Die Meisten hören zu, stellen Fragen, diskutieren während der Kaffeepausen. Ich mache mir Notizen, wenn es um das Zusammenspiel von Mikrobiom, genauer Darmflora, und dem Immunsystem geht. Vor mir steht aber auch mein Laptop, und ich lade den Artikel, auf den sich der Vortrag bezieht, direkt herunter. Dann wende ich mich wieder dem Manuskript zu, das mein Kollege Rohish heute Morgen geschickt hat. Die Deadline steht bevor, und an dem Text muss noch viel gefeilt werden. In der Mittagspause spaziere ich mit einer neuen Bekannten auf dem zugefrorenen See herum. Und dann sitzt plötzlich mein Doktorvater neben mir. Er hat später am Tag einen Vortrag, der einzige Tierarzt unter all den Biologen, die über Versuche in Mäusen und Ergebnisse der Humanmedizin sprechen. „Verstehst du, wovon der spricht?“, flüstert er mir zu. Ich habe ein paar Zeilen in mein Notizbuch gekritzelt und das Researchgate-Profil (Social Media Plattform für Wissenschaftler, auf der man nur seine Forschung präsentiert) des Vortragenden auf dem Computer geöffnet. „So ungefähr, ja“, flüstere ich zurück. „Die systemische Wirkung der Darmbakterien auf das Immunsystem hängt mit Interferon zusammen… und Interferon ist ja hauptsächlich an der Immunantwort auf Viren beteiligt… aber beim molekularen Wirkmechanismus komme ich auch nicht mit.“

„Spannend, oder?“, poppt eine Nachricht von Kollegin Elisabeth auf meinem Handy auf. Sie ist krank und verfolgt den Lehrgang per Lifestream.

„Sollten wir Interferon in unserem Kälberblut messen?“, fragt Toomas.

Ich nicke, während ich Elisabeth antworte, dass wir hier quasi schon das nächste Forschungsprojekt planen.

Die meisten Wissenschaftler haben eine klare Frage, wenn sie ihr Projekt beginnen. Langfristig geht es darum, irgendetwas zu heilen. Sie stellen die konkrete Frage, überlegen sich, wie sie sie am besten beantworten können, und dann tun sie das. Toomas‘ Vortrag ist anders. Er erzählt uns, wie er vor vielen Jahren eine Labormethode lernen sollte, und dafür das Rentierblut bekam, das das Institut an der Uni Helsinki übrighatte. Dann lernte er, mit dem Statistikprogramm umzugehen und stieß auf etwas: Die gesunden neugeborenen Rentiere zeigten eine Immunreaktion. Und nicht nur das. Die Konzentration der Immunmarkerproteine standen in Verbindung mit der Gewichtszunahme der Rentiere über die folgenden Monate. Man konnte also im ersten Lebensmonat diese Proteine messen und beinahe eine Vorhersage treffen, wie gut sich Tiere sich entwickeln würden. Das stellte alles auf den Kopf. Den Rest seines Promotionsstudiums verbrachte der junge Toomas damit, herauszufinden, ob es sich bei anderen Wiederkäuerarten ähnlich verhielt. Später arbeiteten seine Doktoranden daran, dieses Phänomen genauer zu untersuchen. Und nun, zwanzig Jahre später, sagt er, versteht er es immer noch nicht. Aber, er nickt in meine Richtung, wir arbeiten daran, herauszufinden, was dahintersteckt. Darmbakterien sind eine wahrscheinliche Ursache. Sie könnten eine Immunantwort auslösen, ohne Symptome zu verursachen, und zugleich das Wachstum beeinflussen. Unsere Forschungsgruppe hatte keine konkrete Frage von Anfang an. Meine eigene Doktorarbeit hatte keine klare Frage – wir hatten Material, und wie wollten ein Phänomen erkunden, dass durch Zufall entdeckt wurde. Toomas hat auch keine klare Antwort. Fast ein bisschen traurig, denke ich. Aber die anderen Zuhörer sind begeistert, und ich bin natürlich auch von meiner Forschung fasziniert. Wir haben vielleicht keine klare Frage und Antwort, aber wir haben eine Geschichte zu erzählen.

Abends sollten wir uns entspannen, es ist schließlich ein Spa-Hotel. Es gibt eine Bar, ein Schwimmbad, eine Sauna. Stattdessen sitzen Rohish und ich in der Lobby und bearbeiten sein Manuskript, bis es eine Form erhalten hat, die er seiner Betreuerin zeigen kann. Das hier ist kein Urlaub.

Und kaum ist die Tasche ausgepackt, fülle ich sie schon wieder. Die estnische Delegation aus acht Wissenschaftlern bricht auf nach Belfast, Nordirland. Es ist meine erste internationale Konferenz, das jährliche Treffen der Gesellschaft für Epidemiologie und Präventive Tiermedizin. Letztes Jahr fand es online statt, aber dieses Mal klappt es sogar ohne Maskenpflicht. „Und wenn wir Covid mit nach Hause nehmen“, scherzt die Präsidentin der Gesellschaft in der Eröffnungsrede, „dann erwarte ich nächstes Jahr eine Analyse über die Ausbreitung, wir sind schließlich Epidemiologen!“

Nach einem interaktiven Workshop über die Planung einer Forschungsstudie gibt es wieder jede Menge spannende Vorträge – aber in deutlich größerem Stil als in Pühajärve. Wir sitzen in der Galerie des Konferenzsaals in der Belfaster Innenstadt und versuchen, so viel wie möglich zu lernen. Ein Stockwerk weiter unten spaziert man mit der Teetasse in der Hand zwischen den wissenschaftlichen Postern herum und diskutiert die ausgestellten Projekte und Ergebnisse. Auch ich präsentiere hier meine vorläufigen Ergebnisse und bekomme von erfahrenen Forschern neuen Input. Nebenan wird das Essen serviert. Tierärzte und Wissenschaftler aus ganz Europa sind angereist und erzählen von ihrer Arbeit und wie sie dort gelandet sind, wo sie nun arbeiten. „Und ihr vier seid alle aus Estland?“, fragt uns ein Franzose. Wir Doktoranden grinsen. „Ja, schon, wir sind mit demselben Flieger gekommen, aber tatsächlich hat niemand von uns einen estnischen Pass – Finnland, Ukraine, Indien, und Deutschland.“


Eine Konferenz ist vor allem dazu da, neue Kontakte zu knüpfen. Man tauscht sich über die Forschung aus, teilt Anekdoten aus der Welt der Lehre und Wissenschaft, und man verlinkt sich nicht auf Facebook, sondern sendet eine Kontaktanfrage auf LinkedIn und folgt sich auf Researchgate.

Abends gibt ein schickes Abendessen in einem Hotel, und Elisabeth und ich freunden uns mit zwei Niederländerinnen an.

Und so geht es drei Tage lang. Neben den Inhalten der Vorträge ist auch die Vortragsweise spannend. Der Unterschied zwischen den erfahrenen Dozenten, die frei sprechen und hier und da einen Witz einbauen, und den Doktoranden, die zum ersten Mal auf einer Bühne stehen und schüchtern auf ihre PowerPoint Folien starren, ist enorm. Schon beginne ich davon zu träumen, wie ich hier eines Tages meine Erkenntnisse über Akute Phase Proteine und die Darmflora von Kälbern und Schafen präsentiere.

Konferenzen sind eine tolle Möglichkeit, in alle möglichen Länder zu reisen, aber man sieht kaum etwas vom Zielort – Hotel, Konferenzsaal, Flughafen, und schon geht es wieder zurück an die Arbeit. Zum Glück haben wir unseren Flug so gebucht, dass ein bisschen Zeit für Sightseeing bleibt. „Wir sind so nah an so schöner Natur“ seufze ich beim Frühstück.

Elisabeth zieht ihr Handy aus der Tasche. „Lass uns ein Auto mieten!“

Zwei Stunden später sind die vier Doktoranden aus Estland auf dem Weg an die malerische Küste Nordirlands. Im salzigen Wind an den Klippen herumzuspazieren fühlt sich doch fast an wie Urlaub, und wir hätten mit diesem zusätzlichen Tag in Belfast nichts Besseres machen können, als zum „Giant’s Causeway“ zu fahren und mit eigenen Augen zu sehen, was Irland auf seine Postkarten druckt.


Nach einem kleinen Spaziergang durch die Belfaster Innenstadt, und einem Abendessen im Pub, zu dem uns ein Professor eingeladen hat, geht es schon wieder zum Flughafen. Auf dem Hinweg war es ein ziemliches Gerenne, 30 Minuten hatten wir in Helsinki zum Umsteigen – das ist schon knapp, wenn man nicht durch die Passkontrolle muss, weil man die EU verlässt, und zu allem Überfluss war unser erster Flieger verspätet. Darauf sind wir jetzt wieder vorbereitet, als wir unsere Pässe das erste Mal zeigen. Ja, wir fliegen alle vier gemeinsam nach Tallinn. Nein, wir haben nicht alle die gleiche Nationalität. Belfast-London, London-Helsinki. Wir rennen los. Kommen am Gate an, nur um zu sehen, dass es geändert wurde und wir zum anderen Ende des Flughafens müssen. Keine Zeit, die Trinkflaschen aufzufüllen, wir rennen weiter. Rohish trägt die große Rolle mit all unseren Postern. Keuchend erreichen wir das Gate. Überbucht. Die Tickets von mir und Elisabeth bringen ein rotes Lämpchen zum Leuchten. Naja, es ist ziemlich stürmisch, bei der Landung wurde uns schon etwas flau im Magen, vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn wir erst ein paar Stunden später nach Tallinn kommen… Allerdings sind die anderen beiden schon im Flieger, und ich bin die Fahrerin des Autos, das uns alle nach Tartu bringen soll. Ein paar Minuten später werden wir dann doch reingelassen, zwei Plätze waren noch frei. Und wir kommen fast ohne Turbulenzen in Tallinn an. Einzig Elisabeths Halsschmerzen machen uns ein wenig Sorgen, sodass wir an der ersten Tankstelle Covid-Schnelltests kaufen. „Wenn eine von uns positiv ist, haben wir es eh alle“, sage ich, während wir angespannt auf unsere Teststreifen gucken.

Ein paar Tage später liegen wir alle vier mit Fieber und Husten in unseren Betten. Aber immerhin zu Hause.

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