Eesti Maaülikool: Auf zur International Student Reunion

Der Pilot spricht mit französischem Akzent und klingt fröhlich. Seine Cabin Crew stellt er als fleißigen Juri und schöne Dana vor. Da ich um vier Uhr morgens das Haus verlassen habe, schlafe ich ziemlich schnell ein. In Riga drehe ich eine Runde durch den Flughafen und betrete die gleiche Maschine wieder. Gleicher französischer Pilot. Neues Bordpersonal. Es geht, mal wieder, nach Tallinn, Estland.
Die Frau neben mir wirkt viel beschäftigt. Ein Kopfhörer, zwei Handys, fünf geöffnete Fenster auf ihrem Laptop. Sie tippt in einem Affenzahn und korrigiert sich nur selten. Ich erhasche einen Blick auf ihre Arbeit: eine Nachrichtensendung, die schreibt estnische Untertitel. Ein finnischer Text. Neben der Uhrzeit steht: „Jerusalem“.
Als sie zum Start den Laptop wegpacken muss, frage ich sie, ob sie Übersetzerin oder Journalistin ist.
„Übersetzerin. Sind Sie Estin?“
„Nein.“
„Ok, ich wollte nur wissen, ob es sinnvoll ist, dass wir uns auf englisch unterhalten.“
Ich erzähle ihr, dass ich zur „International Student Reunion“ zurück an die Eesti Maaülikool gehe, wo ich ein Auslandssemester verbracht habe, und seitdem bei jeder Gelegenheit wieder in Tartu bin und weiter versuche, estnisch zu lernen.
Sie selbst ist bei einer finnischen Firma in Jerusalem angestellt und übersetzt Fernsehbeiträge auf estnisch. Jetzt macht sie Heimaturlaub.
Die ganze Stunde lang, die der Flug dauert, reden wir. Das ist sehr ungewöhnlich, normalerweise verlaufen Konversationen mit fremden Esten einsilbig. Wenn sie überhaupt stattfinden. Vor knapp einem Monat hatte ich so ein typisch estnisches Gespräch mit einem Professor der EMÜ, der für eine Konferenz in Hannover war. Wir standen nebeneinander und in der Luft schwebte dieses „wir sollten uns unterhalten, das macht man so, wenn man sich schon mal begegnet ist, aber wie ging das nochmal?“
Sie berichtet, wie sie schon früh den Wunsch entwickelte, nach Jerusalem zu gehen, zu den Wurzeln ihres christlichen Glaubens. Immer wieder hingezogen wurde. Und schließlich ein Jobangebot bekam. Sie hatte nichts in die Richtung studiert, aber so konnte sie in Israel bleiben. Alle paar Monate wird es ihr zu viel, dass sich die ganze Welt um ihre Stadt streitet, und kommt zu Besuch nach Tallinn. Wo ihr dann sehr schnell langweilig wird.
Am Flughafen verabschiedet sie sich mit einer Umarmung – auch sehr ungewöhnlich in Estland. So eine Umarmung muss man sich hier schon verdienen.

Altbekannte Ansicht...

Ich fülle meine mitgebrachte Wasserflasche auf und verlasse das Gelände zum ersten Mal zu Fuß. Gehe ein Stück die Tartu Mantee (Landstraß nach Tartu) hinunter und halte den Daumen raus. Es dauert keine zehn Minuten und nur eine Hand voll LKWs, deren Fahrer mir entschuldigend anzeigen, dass sie gleich abbiegen werden, bis eine Familienkutsche anhält.
„Ma ei räägi väga hea Eesti keelt. Aga tahan sõitama Tartusse“ (Ich spreche nicht gut estnisch, aber ich möchte nach Tartu fahren), sage ich, während der Fahrer den Sitz freischaufelt und die Sachen nach hinten auf einen Berg Kindersitze wirft.
„Kein Problem, dann reden wir englisch. Ich fahre bis nach Tartu.“
Ich steige ein. „It’s not for free though, you have to do your homework“, sagt er schmunzelnd und reicht mir ein kleines Notizbuch, in das er gerade die Nummer 65 geschrieben hat. Ich bin seine 65. Tramperin in diesem Auto. Jeder schreibt seinen/ihren Vornamen, Heimatland, Datum, Strecke und ein beliebiges Wort in einer beliebigen Sprache hinein. Ich wähle „Abenteuer“, denn das ist der einzige Grund, warum ich nicht wie immer den Bus genommen habe – das wäre zu langweilig.
Er erzählt mir, dass er jedes Jahr zur Erdbeerzeit nach Tartu fährt, um 40 Kilo einer bestimmten Sorte zu kaufen, die man gut einfrieren kann. Im August kommt er noch mal für Himbeeren. Er genießt die Zeit, die er dabei alleine verbringen kann, aber Hitchhiker würde er am liebsten immer mitnehmen.
„When you have one kid, it’s like an accessory, you can take it with you quite easily. When you have two kids, you have a fight. But when you have three kids, you have a zoo!“ Weise Worte.
Selbst trampt er auch sehr gerne, aber mit so einer großen Familie ist das nicht mehr so leicht. Da er traditionell mit seinen Kumpels zum Viljandi Folk trampt, hat er dieses Jahr erst seine Frau (naja, Freundin, aber das sind nur Wörter, in Estland geht es nicht so streng) und die Kinder hingefahren und ist dann nochmal per Anhalter gekommen. Letztes Jahr sind sie nicht in Tallinn gestartet – das wäre ja zu langweilig – sondern auf Saaremaa. Wir fahren am estnischen Molkereimuseum vorbei und ich starte ein Gespräch über die Milchproduktion in Estland. Muss mich ja schon mal vorbereiten auf mein Praktikum in der Nutztierklinik im Winter. Ziegenkäse sei ein Nischenprodukt, meint er, von Schafsmilchprodukten hat er noch nichts gehört. Ich beobachte die zahlreichen Störche auf den Feldern und in den Horsten. Er empfiehlt mir ein Restaurant auf der Strecke. Seine Frau/Freundin studiert Public Health und so können wir über die Ängste reden, die man entwickelt, wenn man gut über Krankheitserreger in Lebensmitteln Bescheid weiß – und wie man damit seine Familie in den Wahnsinn treibt.
Am Lõunakeskus, der großen Shoppingmall, lässt er mich raus und ich steige in den nächstbesten Stadtbus. Und bete, wie versprochen, zum Hitchhiker-Gott, dass er auch auf der Rückfahrt wieder jemanden mitnehmen kann. Leider gibt es ja nicht mehr so viele Hitchhiker wie früher, die Züge und Busse sind so günstig.
Ich war schon die ganze Zeit entspannt, die Tartu Mantee, der Tallinner Flughafen – ein zweites Zuhause. Aber hier in Tartu werde ich nochmal ruhiger. Es ist alles so normal. So daheim.


Der Bus fährt durch die Randgebiete, an verfallenden, aber immer noch bewohnten Häusern und Sowjet-Blockbauten vorbei. Ich vertraue darauf, dass er mich irgendwann Richtung Zentrum bringen wird, so, wie ich darauf vertrauen konnte, dass auf meiner „Bussikaart“ noch Geld ist. An der Pauluskirche steige ich aus und betrete das Studio der estnischen Rundfunks ERR. „Ist Madis da?“
„Ja, der kommt gleich wieder, du kannst an seinem Schreibtisch warten. Weiß er, dass du kommst?“, fragt sein Kollege.
„Dass, ja. Wann, nein.“
Normaalne, würden die Esten jetzt sagen. Das kann „normal“ heißen, aber auch „super“.
Natürlich verquatschen wir uns beim Wiedersehen, und seine Freundin Linda, die fürs Fernsehen in Tallinn arbeitet, ist auch gerade da. So komme ich eine halbe Stunde zu spät zur Uni.
Die Liste zur Registrierung für die Reunion ist erst halb voll. Ich überfliege die Namen und entdecke ein paar, die ich kenne.
„Ich bin wohl nicht als einzige zu spät, was?“, frage ich Indrek, den Physikstudenten, den ich noch von 2016 kenne.
„Ja, die haben sich alle an Estland angepasst. Nobody cares.“
Wie ich.



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