Jaanipäev kauges külas – Mittsommer auf dem Land Teil 2



Ob es eine gute Straße zum Trampen ist, wissen wir beide nicht. Wir klettern über die Leitplanke und laufen weiter. Aber sie führt aus der Stadt raus, und das ist der Weg, den gerade alle nehmen. Nach wenigen Minuten hält auch schon das erste Auto. Als wir an der Kreuzung nach Otepää wieder aussteigen, kommen wir nur wenige Meter weit, da hält schon unsere zweite Mitfahrgelegenheit. Madis übernimmt die Konversation mit dem Fahrer, während ich durchs Fenster die malerischen Wolken und den Regenbogen bewundere. Wahrscheinlich mit offenem Mund. Weizen-, Roggen- und Erbsenfelder ziehen an uns vorbei, dahinter die Wälder und dahinter dieser unglaublich schöne, kitschige Himmel. Unser Ziel heißt Maritse, ein Dorf etwa zwanzig Kilometer östlich von Tartu. Wir sind von Madis‘ Freunden auf den Hof ihrer Familie eingeladen worden. Während wir darauf warten, von unseren Gastgebern abgeholt zu werden, sitzen wir auf der großen Dorfschaukel und bewundern weiter den Regenbogen. Hinter einem Teich, neben der estnischen Flagge, abends um acht, bei strahlendem Sonnenschein mit grauen und dunkelblauen Wolken im Hintergrund…

 
Kalli ist die Hausherrin, die uns abholt und erzählt, dass wir den Regen um nur wenige Minuten verpasst haben.
Wir erreichen den traditionellen Hof mit großem Holzhaus, Schuppen, altem Stall (heute stehen nur noch die Mauern, darin befindet sich der Gemüsegarten), Saunahaus und – einem eigenen See. Kalli ist Künstlerin und unterrichtet Malerei und Druck an der Kunsthochschule in Tartu, ihr Mann Owe töpfert und lehrt ebenfalls. Das Haus gehört ganz eindeutig Künstlern. Aus den meisten Wasserhähnen kommt Seewasser, in der Küche ist der Brunnen angeschlossen, sodass man das Wasser hier auch ohne den fischigen Beigeschmack trinken kann. Ich könnte ewig über dieses Haus sprechen mit all den Bildern an den Wänden, dem Atelier und dem Töpferstudio, der alten Sauna im Keller, dem selbstgebauten Badezimmer. Von den Räumen, die seit zwanzig Jahren renoviert werden, der Treppe, die es noch nicht gab, als Owe es in den Neunzigern kaufte, von dem Heiztank im Keller, der da rein musste, bevor angebaut wurde und der dafür da ist, irgendwann eine Zentralheizung einzubauen. Wichtig ist aber eigentlich nur: Früher gab es eben nur eine Sauna im Keller und eine Toilette hinter dem Haus. Dann kam das große Saunahaus und ein Badezimmer. Jetzt wird die alte Sauna renoviert, da sie für zwei Personen eigentlich völlig ausreicht und das Saunahaus besser für größere Gesellschaften geeignet ist. 


Erstmal stehen wir jedoch natürlich ums Feuer. Die Künstlerfamilie, also Kalli und Owe, Sohn Kika (ebenfalls Künstler) mit seiner Frau Eeva – die beiden haben übrigens auch hier auf dem Hof geheiratet, bei Regenwetter, in Gummistiefeln – der Nachbar mit seinen verwandten aus den USA, eine australische Künstlerin mit litauischen Wurzeln, eine ganz normale estnische Familie mit unbestimmter Anzahl blonder, blauäugiger Kinder, Madis und ich. Das Holz für das große Feuer wurde übers Jahr gesammelt, zum Beispiel, als die ganzen Obstbäume getrimmt wurden. Zusätzlich werden alte Dokumente verbrannt (und zwischendurch tragen wir einen Papierflieger-Wettkampf aus). Holzhacken und Feuer machen sind traditionelle estnische Hobbies und Madis ist in seinem Element. Ich lasse mir derweil von Eeva das Haus zeigen und erzählen, wie sie und Kika vier Jahre in den Niederlanden verbracht haben. Nebenbei werden wir natürlich von den Moskitos gequält. Kalli spielt Akkordeon. Als die Mücken sich verziehen und es gegen ein Uhr nachts etwas dämmrig wird, lassen wir das kleiner werdende Feuer zurück und gehen in die Sauna. Die Amerikaner stechen da in ihren Badehosen noch mehr heraus als ich mit meinen roten Haaren. Wer genug von der Hitze hat, hüpft in den See. Bier wird überall getrunken: In der Sauna, im Vorraum, draußen – deshalb bleiben ein paar Leute am Grill sitzen und haben ein Auge auf diejenigen, die zum Wasser rennen. 



Klassischerweise ertrinken jedes Jahr ein oder zwei Leute bei so einem Mittsommer-Sauna-Saufgelage. Feuerunfälle sind natürlich auch recht häufig. Und Trunkenheit am Steuer. Alles, was Blaulicht hat, ist in dieser Nacht schwer beschäftigt. In Finnland ist es aber schlimmer: Während in Estland die Todesfälle meist unter 5 liegen, reden wir bei den Finnen von 5-10. Dazu kommen dann die ganzen Autounfälle. (Spoiler: In diesem Jahr gibt es keinen einzigen „jaanipäev-related“ Todesfall in Estland.) Während ich immer müder werde, merke ich, wie die Unterhaltung um mich herum von Englisch zu Estnisch wechselt, es geht ein bisschen um die Herkunft des Wortes „Mulk“ (dazu vielleicht ein andermal mehr), dann döse ich ein. Es wird schon wieder hell. Irgendwann verstummt das Gespräch und ich wache wieder auf. Es ist irgendwann zwischen vier und sieben Uhr morgens, es ist genauso hell wie um drei. Oder um elf. Wir gucken noch einmal nach dem Feuer. Es ist kaum mehr als etwas Glut, aber eine Mittsommertradition fehlt noch, und dafür sammeln wir alle Zweige ein, die wir noch finden können, um wieder ein kleines Lagerfeuer zu erzeugen. Dreimal soll man über das Feuer springen, das bringt Glück für den Rest des Jahres. Dann mal los.


Wir sind nur noch zu dritt, alle anderen sind bereits schlafen gegangen. Und wir überstehen es relativ unfallfrei (so ein paar verkohlte Armhärchen und schmelzende Schuhsohlen zählen noch nicht), sammeln die Bierdosen ein, verbrennen die übrig gebliebenen Papierflieger und ziehen uns ebenfalls ins Haus zurück. Ein paar Stunden später gibt es Frühstück mit frischem Pfefferminztee, selbstgemachtem Honig, selbst eingelegten sauren Gurken, den Resten vom Vorabend, einer großen Auswahl Brot und ein bisschen Akkordeonmusik.
Es gibt sogar einen Bus vom Dorf zurück nach Tartu. Und der ist vollgepackt mit Feierwütigen, die ihren Rausch ausschlafen und nach Lagerfeuer und Sauna riechen. Da passen wir ja gut dazu.

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