Das Gewissen isst mit



Essen ist eines unserer Grundbedürfnisse und auch in meinem Leben eines der wichtigsten Themen. Ich koche gern, lese gern Bücher über Ernährung, und neue Orte lerne ich am liebsten durch lokale Essgewohnheiten und Restaurants bzw. Cafés kennen (die ich oft über die HappyCow App finde). Und es ist Teil dieser Nachhaltigkeits-Serie. Was wir essen spielt immer eine große Rolle, auf Reisen und zu Hause.
Ich habe mich also hingesetzt und angefangen, zum Thema „Essen“ zu schreiben – auf Reisen und daheim, als Teil der Nachhaltigkeitsreihe. Und geschrieben und geschrieben. Es gibt so viel zu sagen – folglich bekommt ihr gleich zwei Artikel zu dem Thema!
Ich habe nicht vor, Behauptungen aufzustellen, welche Ernährungsweise die beste ist, oder welche Lebensmittel gut für euch sind. Jeder ist anders, und jeder kann sich ausgiebig informieren. Ich werde euch aber mit einigen Fakten konfrontieren über den Einfluss, den unsere täglichen Entscheidungen auf die Umwelt, Menschen und Tiere haben. Wir sollten mehr nachdenken über das, was wir essen, unterwegs und auch im heimischen Supermarkt. Was jetzt folgt wirkt viel, ist aber immer noch nur ein Bruchteil dessen, was ich so erzählen könnte… Es sind ein paar Gründe, warum ich mich völlig ohne tierische Produkte ernähre und versuche, möglichst lokal, saisonal und unverpackt einzukaufen und zu kochen. Es soll keine moralische Anklage im Sinne von „was ihr esst, ist schlecht für die Welt“ sein, sondern Information. Jeder muss eigene Entscheidungen treffen.

Yes Vegan in Pattaya

 Es gibt auch bereits eine Menge an Inspiration, Rezepten und so weiter im Internet, einige tolle Beispiele habe ich unten verlinkt, falls ihr mal vegane, verpackungsfreie Gerichte ausprobieren wollt!
Letzte Woche habe ich mir zwei Dokumentationen über Essen angeguckt. Die erste[1] kommt zu dem Ergebnis, dass man so viele Kohlehydrate jeder Art zu sich nehmen kann, wie man will, solange man sich rein pflanzlich ernährt, dann wird man nicht fettleibig und ist vor Krankheiten wie Diabetes sicher, denn was uns krank macht, sind tierische Lebensmittel. Die zweite[2] schlussfolgert, dass Zucker das eine Lebensmittel ist, das uns krank macht, vor allem Fruktose, dass also Smoothies zu den ungesunden Sachen gehören und man so viel Fleisch essen kann, wie man will, ohne krank und dick zu werden, solange man auf Zucker verzichtet. Das klingt so in einem Satz zusammengefasst sehr extrem, aber beide hatten wissenschaftliche Belege. Was ich damit sagen will: Es gibt für jeden Bedarf die richtige Information.
Für mich ist vegane Ernährung die, mit der ich am  gesündesten und aktivsten bin, aber „raw food“ ist nichts für mich. Andere haben Mangelerscheinungen bei gleicher Ernährungsweise und wer will schon nur gesund leben, wenn er Nahrungsergänzungsmittel nehmen muss? Ich habe es auch langsam satt, darüber zu diskutieren, ob vegane Ernährung gesund ist oder nicht.
Ich bin auch kein Ernährungswissenschaftler.


Ich könnte allerdings stundenlang über den Tierwohl-Aspekt und die klimatischen Einflüsse der Produktion tierischer Lebensmittel sprechen, denn das ist Teil meiner Ausbildung und meines Jobs. Während meiner Reisen stelle ich immer wieder fest, dass für uns Tiermediziner viele Dinge ganz klar sind, aber dass das nur durch unser Studium so ist – andere Berufsgruppen beschäftigen sich nicht damit, dass zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, im Burger eine Milchkuh zu haben, sehr viel höher ist, als dass es sich um ein Fleischrind handelt.
Dabei ist der Grund logisch:
Heutzutage haben sich Landwirte fast immer auf ein Produkt spezialisiert: Fleisch, oder Milch, oder Eier, oder Getreide,… Die Kühe, die Milch geben, sind andere Rassen (meistens Holstein-Friesien, diese schwarz-weiß gefleckten), als die, die dazu da sind, Fleisch zu erzeigen. Sie werden auch unterschiedlich gehalten.
Eine Milchkuh hat eine Lebenserwartung von etwa fünf Jahren. Mit etwa zwei Jahren bekommt sie ihr erstes Kalb und die Milchproduktion beginnt. Nach einer Weile nimmt diese natürlicherweise wieder ab, weshalb sie wieder tragend werden muss. Drei Laktationen (also zwei weitere Kälber) später hat sie in der Regel Probleme mit den Klauen, eine Mastitis (Euterentzündung) oder wird nicht mehr trächtig. Ohne Kalb keine Milch, und Krankheiten machen entweder die Milch unverkäuflich oder senken die Milchausbeute. Und da sie nun kein Geld mehr einbringt und nur noch kostet, ist die wirtschaftlichste Lösung, sie zu schlachten.
Milchkühe sind magere Wesen, die all ihre Energie in die Milch stecken. Sie setzen schlecht Fleisch an. Daher sind männliche Kälber der Milchkuhrassen für den Landwirt wertlos (vor allem, da er das Sperma für den Nachwuchs einfach bestellt, das ist einfacher, als einen Zuchtbullen vor Ort zu haben).
Es gibt mehr Milchkühe als Fleischrinder. Also gibt es auch mehr Fleisch von ihnen.



 Eine Freundin fragte mich vor nicht allzu langer Zeit wie ich denn Veganerin sein und zugleich mit landwirtschaftlichen Nutztieren arbeiten könne. Für mich macht das Sinn. So sehr wir (die langhaarigen, Batikkleidung-tragenden barfüßigen militanten Veganer) es uns auch wünschen, der Rest der Weltbevölkerung wird nicht in nächster Zeit vegetarisch werden. Solange die Nachfrage nach tierischen Produkten da ist, ist es unsere (also der Tierärzteschaft, nicht der Veganer) Aufgabe, das Leben dieser Tiere so erträglich wie möglich zu machen und ihr Leiden gering zu halten.
Was passiert mit den „wertlosen Kälbern“? Wie auch der weibliche Nachwuchs werden sie von der Mutterkuh gleich nach der Geburt getrennt, damit keine Bindung aufgebaut werden kann. Das Kolostrum, also die antikörperreiche Biestmilch wird abgemolken und dem Kalb per Flasche gegeben. Sobald die Milch normal wird, geht sie an die Menschen. Und das Kalb wird zu Kalbfleisch. Diesem hellen Rindfleisch. Die helle Farbe entsteht durch Eisenmangel. Milchkuh-Bullenkälber führen ein kurzes Leben in der Mast, meist in dunklen, kleinen Ställen.
Dann eben bio? Ganz so einfach ist es leider nicht. Ja, das Leben von Biotieren ist ein bisschen besser. Sie bekommen Bio-Silage statt konventioneller. Aber beispielsweise die Nutzung von Antibiotika ist kein Argument. Die prophylaktische Gabe von Antibiotika ist in der EU so oder so verboten. Tierärzte müssen immer einen Test durchführen, um den Erreger zu identifizieren, bevor sie das passende Antibiotikum geben. Im Gegensatz zu Humanmedizinern, so ganz am Rande. In der Praxis bedeutet das oft, einen Verdacht zu behandeln und das Antibiotikum zu wechseln, wenn der Verdacht falsch war, denn in der Zeit, bis der Erreger im Labor gewachsen ist, könnte der Patient bereits sterben.
Viele Probleme sind dieselben, unabhängig davon, ob das Tier auf einem Biohof lebt oder auf einem konventionellen. Puten leiden immer unter Pododermatitis, einer Entzündung der Fußballen, weil sie in den 16 /weibliche) beziehungsweise 21 (männliche) Wochen ihres Lebens viel schwerer werden als biologisch angedacht und stets auf derselben, immer schmutziger werdenden Einstreu stehen. Eierlegende und fleischproduzierende Hühner sind immer noch zwei verschiedene Zuchtlinien, die die männlichen Küken der Ei-Linie wertlos machen. Und ein Kalb (außer natürlich, es ist ein Fleischrind) bekommt keine Muttermilch.


Das erscheint euch jetzt vielleicht sehr einseitig von einer, die anfangs behauptet, sie wolle niemanden zum Veganismus konvertieren.
Aber das alles entspringt meiner „professionellen“ Meinung als Tiermedizinstudentin. In meiner allerersten Woche an der Uni lernte ich, dass Broiler (also Brathühnchen in spe) im Durchschnitt 32 Tage alt werden – „Zu dem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, welches Geschlecht sie haben“, wie mein Professor es ausdrückt. Wir lernen in unserem Studium, wie man gegen Verhaltensstörungen bei Tieren vorgeht: bei dem begrenzten Platz- und Beschäftigungsangebot wird den Tieren schnell mal langweilig. Schweine fangen dann oft an, sich gegenseitig an den Schwänzen zu beknabbern, bis es anfängt zu bluten. Dann ist das Ringelschwänzchen natürlich umso spannender und schmeckt auch besser – man knabbert weiter. Der Stumpf entzündet sich, irgendwann liegt das Rückenmark frei. Um das zu verhindern, werden die Schwänze der Ferkel in den ersten Lebenstagen kupiert. Das ist in Deutschland jetzt ohne Narkose verboten. Doch mit eigenen Augen habe ich gesehen, dass hierbei die Schmerzen nicht so schlimm sind wie bei der Kastration der männlichen Ferkel, die weiterhin ohne Narkose erlaubt ist. Zu dem Zeitpunkt, wenn die Schwänzchen abgeschnitten werden befinden sich dort keine Nerven, durch Knochen muss man auch nicht. Nach der Kastration hingegen leiden die Ferkel tagelang unter den Schmerzen. Doch vielen Konsumenten fällt der Geschmack und Geruch von Eberfleisch negativ auf.
Eis geht auch vegan und im Öko-Becher
Bei Legehennen gibt es ein ähnliches Problem. Sie beginnen, einander zu bepicken. Und wenn es blutet, umso mehr. Das kann so weit gehen, dass sie Organe freilegen und eventuell sogar selbst ihren Darm herausziehen, weil sie neugierig sind, was da hängt. Federpicken und Kannibalismus will der Landwirt natürlich verhindern, und wenn es stets dämmrig ist, sehen die Hennen Blut nicht so gut, dadurch kann das Problem eingedämmt werden.
Wir lernen, mit welchen finanziellen Problemen Landwirte zu kämpfen haben. Ein paar hundert Kühe, Schweine oder Hühner zu haben, ist nichts zum reich werden. Man versucht, sich und die Tiere über Wasser zu halten. Aus diesem Grund fallen Entscheidungen über eine Therapie unter finanziellem Gesichtspunkt. Kostet eine Behandlung mehr Geld als das Tier danach einbringen wird, wird es geschlachtet.
Teil unseres Studiums ist auch ein Praktikum auf einem Schlachthof (zumindest in Deutschland) und meiner Meinung nach täte das jedem von uns gut. Als Tierärzte wissen wir ziemlich genau, wo unser Essen herkommt und wie es produziert wird. 

Doch bei der Fleischproduktion kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: das Land, das dafür genutzt wird. Ein Drittel der Erdoberfläche wird für Tierhaltung genutzt. Würden wir diese Fläche für den Anbau menschlicher Ernährung nutzen, könnten wir Viele mehr satt bekommen. Das beschreibe ich bereits in meinem Artikel über nachhaltigeres Reisen.
„Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere - und produzieren daraus primär Exkremente“, so Kurt Schmidinger im Interview mit GEO.
10,7 Prozent der Weltbevölkerung ist chronisch unterernährt. Die meisten von ihnen leben in armen Ländern, vor allem in Asien und Afrika; in Afrika südlich der Sahara beispielsweise sind 23% unterernährt. UNICEF und WHO gehen davon aus, dass 43 Prozent Kindestode durch Unterernährung verursacht sind.


Und auf der anderen Seite werfen wir in Deutschland durchschnittlich 82kg Essen im Jahr weg. Pro Person. Essen, das noch gut gewesen wäre. Das sind 18 Millionen Kilo im Jahr. All das Land, auf dem das angebaut wurde (2,6 Hektar pro Kopf)! Und pro Person sind das schätzungsweise 235€, die wir direkt in den Mülleimer stopfen. In den USA sind es sogar zwischen 102 und 132 kg pro Person und Jahr. In einem durchschnittlichen amerikanischen Vier-Personen-Haushalt landen täglich zwei Kilo essen in der Tonne. In den USA sind etwa 14% des Gewichts an Müll, der auf Müllhalden landet Nahrungsmittel. Und diese können unter den dortigen Bedingungen nicht verrotten. Ein Grund mehr, den Müll zu trennen und die Orangenschalen, Teeblätter und Kerngehäuse von Äpfeln zu kompostieren (natürlich, nachdem wir daraus Allzweckreiniger, Kombucha und Apfelessig ganz im DIY-Zerowaste Stil hergestellt haben…was man nicht noch alles nutzen kann!) Wir könnten eine Menge Geld und anderer Ressourcen sparen.
Also gucken wir doch einmal in den Kühlschrank, bevor wir einkaufen gehen, schreiben einen Einkaufszettel und planen vielleicht ein paar Mahlzeiten im Voraus, damit wir nichts doppelt kaufen oder mehr, als wir verbrauchen können, bevor es schlecht wird. Und gucken wir doch mal, wie man es besser lagern kann:

Das Internet hält eine Menge Ideen bereit, was man mit den Resten und dem nicht mehr so hübschen Obst und Gemüse machen kann (Smoothie, einmal „hier“ rufen, bitte). Man kann zum Beispiel auch die Blätter von Radieschen in Salate oder Smoothies stecken, aus Gemüseschalen (und ein paar frischen Zwiebeln) Gemüsebrühe machen, und aus den Enden von Frühlingszwiebeln und anderem Gemüse (und Ingwer!) Neues ziehen. Am Ende dieses Artikels findest du ein paar hilfreiche Links. Allerdings, wenn wir Bio-Gemüse und –Obst kaufen, gibt es keinen Grund, die Schalen von Äpfeln, Kartoffeln und Karotten nicht mitzuessen.
Dann ist da das Mindesthaltbarkeitsdatum. Ein Blick auf den Namen verrät es – es heißt nicht „genau an dem Tag wird es schlecht“- Datum. Ich habe es noch nicht erlebt, dass Nudeln, Reis oder Schokolade schlecht wird. Das ist eben so eine Vorschrift aus Sicherheitsgründen. Und ähnlich sinnvoll wie die EU-Vorschriften zu Größen und Biegungsgraden von Bananen und Gurken. Wenn es um Milch-, Soja- oder ähnliche Produkte geht, bringt uns ein kleiner Probierschluck nicht um, sagt uns aber, ob es noch genießbar ist oder nicht.

Der FAO zufolge gibt es bereits genug Essen auf der Welt, um alle satt zu machen. Die „vier Dimensionen der Ernährungssicherung“ (physisches Vorhandensein der Lebensmittel, wirtschaftliche und physischer Zugriff auf die Lebensmittel, Brauchbarmachung der Lebensmittel, Stabilität der drei Faktoren) sind jedoch oftmals nicht erfüllt.
Aber bedenken wir auch mal die Energie, die verbraucht wird, um uns im Winter mit Tomaten und Erdbeeren zu versorgen, Bananen nach Deutschland zu bringen. Das Land, auf dem das Futter für die Tiere angebaut wird, das Wasser (aber dazu in einem späteren Artikel mehr). All das trägt auch zum Klimawandel bei, und nicht zu wenig.
Hier findet ihr ausführliche Informationen dazu:
Also gucken wir doch am besten mal, was dort wächst, wo wir uns aufhalten, zu dem Zeitpunkt, wenn wir da sind.
Erdbeeren sind mit Abstand mein Lieblingsobst. In der Erdbeersaison esse ich sie jeden Tag. Aber eben auch nur in diesen zwei Monaten. Gerade in Thailand esse ich jeden Tag Mangos und Bananen, und sie haben nie besser geschmeckt aus dem Garten meiner hiesigen Nachbarn!

Das erinnert mich wieder daran, dass es hier ja ursprünglich ums Reisen gehen sollte…
Also mehr beim nächsten Mal!
Meine Lieblings-Inspirationen für leckere Gerichte und mehr:
Raw alignment (https://www.youtube.com/watch?v=55ODlAvYZKM)  (englisch)
Zerowastechef.com (https://zerowastechef.com/)  (englisch)
Plantbased on a budget (https://plantbasedonabudget.com/)  (englisch)

Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem empfehle ich:

Bei euren Recherchen solltet ihr übrigens nicht nur darauf achten, wer da eigentlich die Studie durchgeführt hat, sondern auch, wer sie bezahlt hat. Forschung muss irgendwie finanziert werden, aber eine Studie zum Thema Fast Food, die von McDonalds gesponsert wurde, kann nicht sehr objektiv interpretiert worden sein, oder?



Weitere Links und Quellen:






 



[1] What the Health, von Kip Andersen, 2017
[2] That Sugar Film (Voll verzuckert), von Damon Gameau, 2015

Kommentare

Beliebte Posts

Zwischen Palmen und Plastikmüll

Schwarze Strände und pflanzenfressende Tierärzte

Life in Estonia, part 5: field trips