Können wir nachhaltig reisen?



Um es mal vorweg zu nehmen: Nein, ich glaube nicht. Selbst wenn wir zu Fuß oder mit dem Fahrrad, das Gepäck auf dem Rücken, unsere Heimat erkunden würden, nur Gemüse vom Bauernmarkt essend und im Zelt schlafend – wir würden doch noch Spuren hinterlassen.
Ich ernähre mich vegan, versuche so wenig Müll wie möglich zu produzieren, kaufe fair produzierte Kleidung aus Bio-Baumwolle, kaufe mein (Bio-)Essen im Unverpacktladen oder auf dem Bauernmarkt ein, ich mache das Licht aus, wenn ich den Raum verlasse, schalte meine elektronischen Geräte aus, gehe sparsam mit Wasser um und fahre mit dem Fahrrad zur Uni – doch was nützt das alles, wenn ich mehrmals im Jahr in den Flieger steige? Wenn jeder so einen ökologischen Fußabdruck hätte wie ich in diesem Jahr, bräuchten wir 2,5 Erden – und wohlgemerkt, ich habe kein Auto und esse kein Fleisch. Transport ist neben der Fleischproduktion und der Kleidungsherstellung einer der größten Klimakiller.


Aber was, wenn du auch zu den Menschen gehörst, die finden, man kann baltische Gesänge nur im Baltikum richtig hören, thailändisches Essen nur in Thailand schmecken, und nur in Nepal erfahren, wie es dort ist? Was, wenn du einer von denen bist, die, wie ich, überzeugt sind, dass man manche Dinge nur im Ausland lernen kann, manche Erfahrungen nur in anderen Ecken der Welt machen kann, und Vieles (über die Welt und sich selbst) nur auf Reisen lernen kann?
Momentan ist es mir aber einfach wichtig, Erfahrungen in anderen Ländern zu sammeln. Deshalb möchte ich hier ein paar Anregungen mit euch teilen, wie man möglichst schonend verreist. „Nimm nur Erinnerungen mit, hinterlasse nur Fußspuren“ gilt immer noch, überall. Bei „Nachhaltigkeit“ geht es mir sowohl darum, wie wir mit der Umwelt umgehen, als auch mit der Kultur in den Ländern, die wir besuchen. Unsere Umwelt schließt Natur, Tiere und Menschen ein.

1.       Transport.


Natürlich hat ein Zug oder Bus einen geringeren CO2-Ausstoß als ein Flugzeug. Ich würde niemals innerhalb Deutschlands fliegen. Oder in ein Nachbarland. Aber wenn es ein Flug sein „muss“, wie das bei mir in diesem Jahr ziemlich häufig der Fall ist, dann gibt es die Möglichkeit, einen „CO2-Ausgleich“ zu machen. Seiten wie Atmosfair berechnen, wie viel CO2 auf dem bestimmten Flug ausgestoßen wurde und man spendet eine entsprechende Summe, mit der klimaschützende Projekte unterstützt werden.
Vor Ort sind öffentliche Verkehrsmittel günstiger, authentischer und umweltfreundlicher als Taxi oder Mietwagen.


2.       Müll.


Wir sollten immer versuchen, so wenig Müll wie möglich zu verursachen, aber besonders in Entwicklungsländern noch mehr. In Nepal wurde täglich unser Müll vor dem Haus verbrannt, den Geruch brennenden Plastiks werde ich mein Leben lang nicht vergessen und überall auf der Welt schon von Weitem erkennen! Allein der Gedanke an die Giftstoffe, die dabei in unsere Atemluft gelangen, ist gruselig. Was der Müll mit Wildtieren anrichtet und dass Plastik auch nach 400 Jahren noch nicht zersetzt ist, scheint aber noch nicht so verbreitet zu sein wie bei uns.
Mangos im mitgebrachten Wachstuch statt in der Plastiktüte
Daher versuche ich, so gut es geht in großen Packungen oder ohne Verpackung einzukaufen – zum Beispiel mit der eigenen Einkaufstasche auf dem Markt. Und natürlich gehören ein paar Dinge dafür immer in den Rucksack: neben dem Jutebeutel (oder auch der Plastiktüte, der man nicht entkommen konnte) habe ich immer Besteck dabei (meins ist aus Bambus, wiegt also fast nichts), eine Lunchbox – beides super für street food, natürlich eine Wasserflasche, die ich mehrmals am Tag auffülle, und ein stabiler Strohhalm (eigentlich bin ich kein Fan von Strohhalmen, aber in Thailand wird nichts ohne Strohhalm getrunken. Wirklich nichts. Wenn ich meinen einfach vorzeigen kann, erleichtert das mein nicht immer verständliches „mai aow lod“ – „kein Strohhalm bitte“). Das müssen alles keine Dinge sein, die wir in Deutschland kaufen und mitnehmen, es kann auch das Plastikzeug von Tag eins des Urlaubs sein, kann man schließlich auch auswaschen, und solches „Einmalbesteck“ und normale Wasserflaschen halten länger, als man denkt. Mit der Zeit werden sie aber doch irgendwie brüchig und ich bin einfach kein Fan von Wasser aus Plastikflaschen… Für street food könnte man auch die Plastikschale vom ersten Gericht aufheben und am nächsten Tag nochmal hernehmen. Das erfordert natürlich alles etwas Vorbereitung, Mitdenken und ein bisschen Platz im Tagesrucksack, aber wenn man dafür Müll vermeiden kann, lohnt sich das auf jeden Fall! Was die Trinkflasche betrifft: Finde heraus, ob das Leitungswasser im Reiseland unbedenklich ist – Jackpot! Oder gibt es Auffüllstationen? Oder kannst du einen Filter verwenden? In Restaurants nach Trinkwasser fragen?
In Europa habe ich immer meinen Coffee-to-go Becher dabei, aber hier in Thailand ist der ungeeignet – alle Getränke kommen mit mehr Eiswürfeln, als da rein passen und wenn ich diesen Becher vorzeige, werde ich nur schief angeguckt und bekomme doch einen Plastikbecher. Mit Deckel, Strohhalm und Plastiktüte. Zum Verzweifeln! Daher hat mir eine Tierärztin in meiner ersten Praktikumswoche einen wunderbaren Eisteebecher geschenkt, aus Metall, mit Deckel, durch den ich meinen Metall- oder Bambusstrohhalm stecken kann, und isoliert. Der Becher fasst ungefähr 600 Milliliter und wird mir auch im nächsten Winter in Europa Freude machen.
Der kleinere Becher ist übrigens nicht nur auf der Suche nach dem morgendlichen Kaffee/Tee und am Flughafen hilfreich, auch so manche Stewardess freut sich, wenn sie das Getränk an Bord dort hinein füllen darf und nicht in so einen winzigen Plastikbecher!
Eine Trinkflasche kann man natürlich auch im Handgepäck mitnehmen. Einfach leer durch die Security und auf der anderen Seite wieder auffüllen!
Und für alle Leserinnen: habt ihr schon mal daran gedacht, von Tampons auf eine Menstruationstasse umzusteigen? Reduziert nicht nur den Müll drastisch, sondern spart auch Geld.


3.       Ernährung.
Mittagessen in der Vegan Town

Inzwischen sollte eigentlich jedem bekannt sein, dass, siehe oben, die Fleischproduktion neben Transport und Bekleidungsherstellung einer der größten Faktoren für den Klimawandel ist. Doch es leiden natürlich auch die Tiere – und Menschen. Um eine Kuh zu ernähren, von der nachher Menschen satt werden sollen, braucht man natürlich eine Menge Futter – würde man die dafür genutzten Anbauflächen für menschliche Ernährung nutzen, bekäme man deutlich mehr Leute satt, ist ja logisch. Würden sich alle Menschen rein pflanzlich ernähren, würde momentan die Anbaufläche der Welt reichen, um alle satt zu kriegen (fragt mich nicht, wo ich das gelesen habe, aber ich glaube das denen mal). Ich will mich hier jetzt nicht über männliche Eintagsküken und arme Kälbchen auslassen, es soll schließlich um Nachhaltigkeit beim Reisen gehen. Wer unbedingt Fleisch braucht, dem würde ich vom Fairness-Standpunkt Huhn empfehlen, das braucht am wenigsten Futter, um selbst zu Futter zu werden (2 kg Hühnerfutter werden zu 1 kg Fleisch, bei Schwein und Rind ist es deutlich mehr). Auch der Wasserverbrauch ist bei der Produktion von tierischen Lebensmitteln höher als bei pflanzlichen.


Am besten ist es, man isst das, was dort wächst, wo man sich gerade aufhält. Hier in Thailand hat zum Beispiel vor ein paar Tagen eine Mitarbeiterin Mangos an alle verteilt, weil sie so viele im Garten hatte, dass sie die gar nicht alleine aufessen konnte – mein Frühstück für mehrere Tage war gerettet!
gegrillte Banane mit Kokossoße
Essen spielt bei mir auf Reisen immer eine enorm wichtige Rolle. Wenn man das Essen nicht kennt, kann man das Land nicht kennen. Und wenn man kein street food hatte, war man nicht dort! Zu street food gehört meiner Meinung nach auch, dass man manchmal nicht so genau weiß, was man da gerade isst. Ich lasse mir fast alles zum Probieren geben, solange es (vermutlich) vegan ist. Auf diese Art habe ich herausgefunden, dass rohe Mango mit Chilisauce gar nicht so schlecht schmeckt, wie es klingt, und dass ich eine Jackfrucht-Allergie habe. Oh, und es gibt Zuckerwatte-Pfannkuchen. Deren Teig mit Pandanus-Blättern grün gefärbt wird. Kein Scherz.
Günstiger und meistens besser, definitiv aber authentischer ist es immer in den kleinen Lokalen, in die die Einheimischen gehen. Wir wollen ja auch alle lieber die lokale Wirtschaft unterstützen als große Ketten und Hotels, oder?
Was Entwicklungsländer betrifft: Habt keine Angst vor Straßenküchen! Ich gebe zu, ich bin mit einem starken Magen gesegnet. Aber zumindest morgens ist alles noch frisch und was man mit sensiblem Verdauungstrakt vor allem meiden sollte, sind westliche Gerichte – denn was die Einheimischen selbst nicht essen, kann qualitativ wohl kaum so gut sein wie das, was sie selbst gerne mögen.

4.      Wasser.


Über Trinkwasser habe ich oben schon gesprochen. Aber was passiert eigentlich mit dem Abwasser? In Entwicklungsländern gibt es meistens keine Kläranlagen, das Wasser gelangt ungefiltert in die Umwelt. Deshalb sollten wir dort noch mehr als zu Hause darauf achten, was wir eigentlich den Abguss runtergießen. In südostasiatischen Ländern darf man zum Beispiel kein Klopapier runterspülen, sondern muss es in den Mülleimer werfen, weil es sonst die Leitungen verstopft. Oder man verwendet die Bidets, die überall installiert sind, ist nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch hygienischer! Bei der Wahl von Spülmittel, Waschmittel und Duschgel sollte man ebenfalls darauf achten, dass die Produkte möglichst wenig Chemikalien und kein Mikroplastik enthalten – ich benutze Kernseife für Haut, Haare und Kleidung, aber wenn ich nochmal nach Asien reise, werde ich auch ein umweltfreundliches Spülmittel mitbringen. In dem Haus, in dem ich momentan in Thailand lebe, endet die Leitung der Küchenspüle direkt auf der anderen Seite der Wand, und das Abwasser versickert dort im Boden. Wenn einem so vor Augen geführt wird, was mit dem Abwasser geschieht, möchte man wirklich keine Chemie zum Saubermachen benutzen!



5.       Kultur.


Wir reisen, um fremde Kulturen kennen zu lernen – wenn wir nur den Ort sehen wollen, machen wir Urlaub. Ich mache da einen Unterschied. Jetzt, wo wir die gleichen Transportmittel wie die Einheimischen benutzen, essen, wo sie essen, haben wir schon mehr davon als in teuren Restaurants und Taxis, aber da geht noch mehr! Lass dich auf Gespräche ein, stell Fragen (und lies nicht nur den Reiseführer). Vielleicht hast du auch die Gelegenheit, etwas zurückzugeben, in Freiwilligenprojekten zum Beispiel. Aber Achtung! Hierbei sollte man darauf achten, dass es ein seriöses Projekt ist, man keine Wildtiere ausbeutet und nicht mit Kindern zu tun hat – aber das ist dann schon wieder ein Thema für sich. Andere Möglichkeiten, in die Kultur einzutauchen, sind zum Beispiel ein Auslandssemester, Praktika, oder, wenn die Zeit dafür nicht reicht, ein Homestay oder Couchsurfing. Das ist dann auch günstiger als ein Hotel oder Hostel.
Respektiere die Traditionen und örtlichen Gebräuche. Wie grüßt man in deinem Reiseland? Welche Regeln gibt es zu beachten? In den meisten asiatischen Ländern gehört es sich, Schultern und Knie zu bedecken, wenn man Tempel besucht, aber höflicher ist es, immer mit langer Hose bzw. Rock herumzulaufen und keine Tanktops zu tragen.
Das ist jetzt alles nichts Neues. Meistens stehen solche Dinge im Reiseführer, manche aber auch nicht – zum Beispiel, dass man sich in Thailand nicht beim Essen schnäuzt und es generell in der Öffentlichkeit vermeiden sollte.
Hier sind noch ein paar Fun Facts aus Thailand:
Schlange stehen können sie, die Thai! Nicht auf Rolltreppen, aber an den Metro- und Skytrain-Stationen sollte man streng darauf achten, an den markierten Stellen in einer Reihe zu stehen und erst einzusteigen, wenn alle ausgestiegen sind.
Dass man die Schuhe auszieht, wenn man einen Tempel oder eine Wohnung betritt, ist nichts Ungewöhnliches, aber das gilt hier auch für einige Räume in öffentlichen Gebäuden, manche kleine Läden, Arztpraxen, Hostels, Apotheken und sogar Restaurants – man sollte immer darauf achten, ob vor der Tür bereits Schuhe stehen, bevor man irgendwo hinein geht! Gestohlen werden Schuhe übrigens nicht, keine Sorge.
Toiletten (zum Beispiel in Restaurants oder Hostels) haben oft „ihre eigenen“ Schuhe (Flip-Flops). Bevor man hinein geht, muss man also Schuhe wechseln. Apropos öffentliche Toiletten: Meistens gibt es kein Toilettenpapier. Man kann dann, wie oben erwähnt, der Umwelt zuliebe das Bidet benutzen. Oder man hat immer etwas in der Tasche. Oft gibt es auch bei den Waschbecken eine große Rolle, von der die meisten Thai sich auch etwas nehmen, bevor sie die Kabine betreten. An Busstationen und beliebten Sehenswürdigkeiten gibt es meistens eine Servicegebühr von ein paar Cent, in der dann eine Hand voll Klopapier inbegriffen ist!
Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass man quasi keine 500 Meter gehen kann, ohne dass man gefragt wird, ob man mitgenommen werden möchte. Und obwohl man oft schwer kommunizieren kann, wo man hin möchte und wohin die Fahrerin unterwegs ist – irgendjemand wird dich immer fahren wollen.



Ich könnte jetzt noch stundenlang über Umweltverschmutzung schreiben, wie man Müll vermeiden kann, über Essen in anderen Ländern – aber ich würde sagen, für heute reicht es.

Mehr Infos gibt es hier:
https://www.bravebird.de/blog/10-tipps-fuer-bewussteres-reisen/
https://www.bravebird.de/blog/umweltbewusstes-essen/
https://www.bravebird.de/blog/fluege-co2-kompensieren/
wastelandrebel.com
https://wastelandrebel.com/de/zero-waste-reisen/
www.utopia.de
Fact Sheets

Deinen ökologischen Fußabdruck hier berechnen
Und hier den CO2-Ausgleich für Flüge machen: atmosfair.de

Produkte:
Thermobecher mit Strohhalm
Bambus-Reisebesteck



weitere Quellen:
wired.com
onegreenplanet.org
lakhawon island
get-green-now.com
ocean conservatory report
biologicaldiversity.org
ourworldindata.org
everlane.com

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