Ein Groupie im Land der Seto

Schon vor Abflug aus Deutschland hatte ich die Tickets zu einem Konzert von Curly Strings. In Treski. Doch immer, wenn ich den Ortsnamen erwähne, blicke ich in fragende Gesichter. Das Dorf ist etwa eine Stunde von Tartu entfernt und offenbar weder groß noch bekannt. Es liegt nahe der russischen Grenze am Peipsi-See und tief im Setomaa (ihr wisst schon, eigene Kultur, seltsamer Dialekt, UNESCO-Welterbe-Gesänge) und mir wird klar, dass ich mir diese Gegend nochmal genauer ansehen muss. Wir nehmen zwei junge Anhalter mit, die zum Einkaufen in Tartu waren und so gut wie kein Englisch sprechen, und nachdem wir sie abgesetzt haben, erreichen wir Treski. „Treski küün“ heißt der Veranstaltungsort, „Scheune“, wie ich schnell noch nachschlage. Wir biegen auf einen Schotterweg und dann auf eine Wiese, die mit einem handbemalten Schild als Parkplatz ausgewiesen ist. Eine Handvoll Menschen steht auf dem einsamen Bauernhof mit klassischem Aufbau: ein Saunahaus am Teich, daneben eine Wiese umgeben von Wohnhaus, Stall und Scheune, das Plumpsklo dahinter. Mit dem kleinen Pavillon, neben dem gegrillt wird, wirkt es eher wie eine private Feier. Aber wie sind richtig. Die Musiker von Curly Strings laufen zwischen Bühnenscheune und Backstage-Stall hin und her. 
In der romantisch dekorierten Scheune setzen wir etwa 150 Zuschauer uns auf Holzbänke und die Band spielt. Wenn ich es richtig verstehe, gehört der Hof einem Freund des Gitarristen. Das letzte Lied, „Kauges külas“ („Auf dem Dorf draußen“) ist eines der bekanntesten Lieder des Landes. Die Band stellt die Mikrofone weg und regt das Publikum an, mitzusingen. Jeder kann den Text. Ich natürlich auch, obwohl ich nur die Hälfte der Wörter kenne.


Zwei Tage später sitzen wir wieder im Auto Richtung Südosten und ich zeige Joe ein paar Orte, die ich schön fand: Das Schloss von Sangaste (warum auch immer Mõis=Gutshof, Anwesen, immer mit Castle übersetzt wird…), die Piusa Höhlen und Sanddünen und den Suur Munamägi. Heute hat der Aussichtsturm geöffnet, sodass wir tatsächlich auch etwas sehen können von nun insgesamt 347 Metern Höhe über dem Meer. Laut Infoplakat hat man einen Aussichtsradius von 50 Kilometern. Wald bis zum Horizont eben. Fotos vom letzten Jahr findet ihr hier: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1120764928014884&set=pcb.1120777008013676&type=3&theater


Hier in der Gegend ist es generell sehr hügelig. Die Stadt Otepää gilt als Hauptstadt Estlands im Winter, da hier alle zum Wintersport herkommen. Es gibt sogar einen Skilift! 



Das Volk der Seto konnte über Gesänge seine Gesichte und Bräuche über viele Generationen weitergeben, die Lieder gehören heute zum UNESCO-Welterbe. Es wird in Chören von fünf oder sechs Frauen gesungen, wobei eine höher singt als der Rest. Die Seto-Leelos (Chöre) bestehen nur aus Frauen. Viele Lieder fokussieren mehr auf den Inhalt als die Melodie, wobei oft eine Sängerin vorträgt und der Chor dann wiederholt. Noch immer werden neue Lieder geschrieben, der Brauch, die Geschichte der Seto auf diese Art weiterzugeben, bleibt also erhalten. Die besten Sängerinnen werden als „Gesangmütter“ bezeichnet und ihnen ist eine Statue gewidmet, die über einen See blickt.





Setomaa erstreckt sich bis nach Russland und am größten Feiertag der Seto werden symbolisch die Grenzen zu Estland geschlossen und die besten Sängerinnen gewählt. Da die Museen leider montags geschlossen sind, fahren wir am Peipsi-See entlang wieder zurück. Ein Zwischenstopp ist noch Mehikoorma, das Dorf an der schmalsten Stelle des Sees. 
Wir stehen am Ufer neben dem Leuchtturm, unter dem Radar, und gucken hinüber zum Radar auf der russischen Seite.





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