Pärnu unverpackt


 Die Kühe verlassen den Stall und machen sich auf den Weg zu einer Kirche, die im Reiseführer als sehr interessant beschrieben ist: unter anderem ein Teufel und ein Pentagramm sollen in den Fresken zu sehen sein. Öffnungszeiten: 10-18 Uhr. 10. Juni bis 3. September.
Ja, wir haben es ja verstanden, die Saison ist vorbei!



Über eine Brücke im Schilf (oder ist es eine besonders befestigte Straße? Ein Damm?) fahre ich nach Muhu, die kleinere (drittgrößte) Insel, die zwischen Saaremaa und dem Festland liegt. Muhu ist ein Ort, an dem ich gerne bleiben würde. Hübsche Bauernhöfe, moosbewachsene kleine Mäuerchen und alte umgekippte Boote, die das Brennholz trocken halten sollen. Die kleine Insel ist ein neuer Ort auf meiner Liste der Orte, an denen ich dachte: „Hier habe ich später mal ein Haus“ (Key West, die Küste ein Stück außerhalb Lissabons und Supilinn in Tartu, falls sich jemand fragt). Wenig später sind wir schon auf der Fähre Richtung Festland. Es fühlt sich ein bisschen an, als sei ein Urlaub vorbei. Gleichzeitig freue ich mich riesig auf den Urlaub, der jetzt kommt.




Mit uns auf dem Schiff sind wieder einige Pendler, wie schon am Freitag nach Hiiumaa. Auf der Fähre wird mittag- bzw. abendgegessen, aber diese Überfahrt dauert nur etwa eine halbe Stunde. Es sind auch schon weniger lettische Touristen an Bord als wir in den letzten Tagen gesehen haben. Was die Letten hier machen, weiß weder ich noch mein estnischer bester Freund Madis so genau. Seit die Steuer auf Alkohol in Estland erhöht wurde, sind es nämlich nicht mehr so sehr die Finnen, die zum „booze-shopping“ nach Estland kommen, vielmehr fahren nun die Esten in das etwas weniger wohlhabende Lettland, um dort Alkohol zu kaufen. Madis kann also fast kaum glauben, dass wir mehr Letten als Esten begegnet sind.
Das Festland unterscheidet sich landschaftlich noch nicht allzu sehr von den Inseln, aber Verkehr herrscht hier deutlich mehr. Wir haben so oft Gegenverkehr, dass Google Maps die Straße schon rot markiert. Zweimal werden wir sogar überholt.
Wir fahren an der Küste entlang nach Pärnu. Die Stadt ist für die Esten, was Bath zu Jane Austens Zeiten für die Briten war (womit ich jetzt auch meine Reiselektüre verraten habe…). Ein Spa reiht sich ans andere, eins der auffälligsten Häuser beherbergt die Schlammbadeanstalt und jeden Sommer kommen die Esten für ihren Strandurlaub hierher. Da muss es voll sein wie an der Adria im Juli und August. Jetzt haben wir den Strand für uns alleine (aber zum Baden ist es zu kalt) und auch die weitläufigen Parks.







Wir stoßen auf Paljas Pala, einen Laden nach dem Vorbild des Berliner „Unverpackt“ – hier kauft man alles eben ohne Verpackung und muss seine Tupperdosen, Beutel und Gläser selbst mitbringen. Tee gibt es zu meinem Glück auch. Der Besitzer und Gründer des Ladens, Silver Smeljanski, ist in Kontakt mit “Unverpackt”-Aktivisten in Deutschland, Dänemark und England und hat auch einen Paljas Pala in Stockholm eröffnet. Das ist der nächstgelegene Laden dieser Art, weshalb es ihm wichtig war, auch in Estland einen zu eröffnen. Das Bewusstsein dafür, wie viel Plastikmüll (allein durch Verpackungen, die meist unnötig sind!) produziert wird, wird größer, muss es auch, und er möchte die Bewegung gegen diesen Verpackungswahn auch in Estland populärer machen. Auch in Tallinn, Tartu und Riga (der nächsten Millionenstadt) will er Paljas Pala eröffnen, aber zunächst will er, dass der Laden in Pärnu „eine Marke“ wird. „Zum einen, weil ich selbst aus Pärnu komme, aber auch, weil ich finde, dass nicht alles, was cool ist, in Tallinn anfangen soll!“, erklärt Silver mir. Ich bin ja selbst Stammkundin im LoseLaden in Hannover und sehr stolz darauf, dass auch in Rosenheim (!!) ein verpackungsloser Laden aufgemacht hat und kann das Projekt daher nur unterstützen!  https://www.facebook.com/paljaspala/?ref=ts&fref=ts

Update 2019: Momentan ist Paljas Pala geschlossen. Im Zentrum Pärnus gibt es aber einen kleinen Unverpackt-Laden und Silver arbeitet im Stadtrat daran, Pärnu nachhaltiger zu machen.









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