Ein Tag in Helsinki


Wir quetschen uns mit unseren Rucksäcken in die Tram. Die Frau gegenüber lächelt uns an. Ich lächle zurück. Herrlich, denke ich, die Finnen lächeln Fremde an! „Where are you from?“, fragt sie. „Germany.“
Sie nimmt unsere Hände in ihre und heißt uns in Helsinki willkommen, von ganzem Herzen willkommen, in Helsinki und in Finnland. Sie strahlt und lässt unsere Hände ziemlich lange nicht los. Ihr Ehemann steht peinlich berührt daneben. „You should go to Laponia!“, empfiehlt sie uns mehrere Male. Bis ich begreife, dass sie damit Lappland meint, ist es schon zu spät, ihr zu erklären, dass ich da schon mal war, und wir versprechen, hinzufahren.
Nachdem wir ausgestiegen sind, steht ein Mann an der Ampel neben uns, der die Szene beobachtet hat. „Not everyone is this crazy in Finland“, beruhigt er uns.

Busse gibt es viele in Helsinki, mit der Chipkarte in der Hand winkt man dem richtigen zu, Tramlinien gibt es auch einige, aber die Metrolinie 1 ist die einzige ihrer Art. Vor zwei Jahren hätte Linie 2 fertig werden sollen, erzählt uns Henri, unser Couchsurfing-Gastgeber, aber die Bahnsteige waren zu kurz gebaut worden, sodass immer einige Türen in den Tunneln geöffnet werden würden. Die Firma, die den Auftrag hatte, ist inzwischen insolvent gegangen, und wann die zweite Metrolinie fertig wird, ist ungewiss. Aber mit der eins kommen wir gut zwischen Stadtzentrum und Kulosaari hin und her.
Kulosaari ist die Insel im Osten der Stadt, auf der Henri wohnt, und auf der sich die meisten Botschaften befinden. Schon oft hat er Proteste von Chinesen oder Koreanern von seinem Garten aus beobachten können.

Die Kathedrale

Touristenbusse auf dem Senaatinori-Platz vor dem Dom

A man and a monument 

Wir klappern die Uspenski Kathedrale ab (orthodox), den Dom (protestantisch), die Felsenkirche, die in einen Hügel gebaut wurde, sodass man auch darauf herum laufen kann, und das Sibelius-Monument. Genauso spannend wie die Sehenswürdigkeiten finde ich die Reisegruppen. US-Amerikaner mit Reiseleiter,  große Gruppen von Japanern, die in Bussen von einem Highlight der Stadt zum nächsten gekarrt werden. Wie sind die alle im September nach Helsinki gekommen? Dabei müssen wir auch immer wieder erklären, dass die Semesterferien in Deutschland noch nicht vorbei sind, denn was zwei deutsche Studenten im September in Skandinavien  machen, versteht auch nicht jeder. Es hat elf Grad und regnet. Schietwedder.
Eine kleine Fähre, die im 20-Minuten-Takt fährt und im Tagesticket der Öffis inbegriffen ist, bringt uns nach Suomenlinna, also zur Festung Helsinkis. Das Fort ist auf insgesamt fünf Inseln erbaut, man kann in den Mauern herumlaufen, sich immer wieder in den Wohngebieten verirren, und es beherbergt die Militärschule.

Suomenlinna

Uns fallen häufiger kleine Gruppen von jungen Leuten auf, hauptsächlich Frauen, die türkise Arbeitshosen tragen – halt, es sind Overalls, deren Ärmel sie um die Hüfte gebunden haben. Die Hosenbeine sind mit bunten Aufnähern verziert. Könnte ein Junggesellinnenabschied oder so sein. Aber „mit wissende Auge“ (Zitat einer einflussreichen Persönlichkeit) erkennen wir die Overalls und die darauf abgedruckte Werbung für Pharmaunternehmen. Ich spreche eine Gruppe an. „Seid ihr Tiermedizin-Studenten? Ist das eine Aktion für die Erstsemester?“
Natürlich sind es Tiermediziner. Sie sammeln Semester für Semester mehr Aufnäher auf ihren Overalls und feiern den Beginn des neuen Semesters gerade auf Suomenlinna.


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