Kultur und Politik


Alatskivi. Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Mindestens vorbeigekommen bin ich hier letzten November. Heute aber scheint die Sonne auf das Schloss, das wahrscheinlich die einzige Sehenswürdigkeit der Kleinstadt ist. Von einem baltendeutschen Baron erbaut, erinnert es sehr an Balmoral Castle in Schottland. 




Die Küchen-Leeni war vom Baron des Schlosses in Alatskivi geschwängert worden. Der Gärtner Kaarel bekam ein Stück eigenes Land als Mitgift, um Leeni zu einer ehrenhaften Frau zu machen.

Unterhalb des Schlosses befindet sich ein von Schilf umgebener See und daneben das Bett des Riesen Kalevipoeg, der Volksheld Estlands. Wir machen einen Abstecher in die kleine Ortschaft Nina am Ufer des Peipsi-Sees, an der Kalevipoeg auch vorbeikam und wo der See wie ein Meer wirkt, weil man Russland nicht mehr am Horizont sehen kann. 


Etwa zehn Kilometer nördlich davon liegt Kallaste, ebenfalls am Ufer des Sees. Es ist eines der Dörfer, in dem noch Gläubige leben, denn Estland ist ja bekanntermaßen quasi religionsfrei. Der Friedhof von Kallaste liegt direkt über der steilen Sandsteinklippe am See (wobei Joe findet, über die Definition von „steiler Klippe“ sollten wir nochmal reden) und die meisten Grabsteine sind auf kyrillisch beschriftet. Außerdem ist Kallaste einer der ärmsten Orte Estlands mit besonders viel Korruption. 





Auf dem Weg zurück nach Tartu stecken zwei Autos in einer Baustelle fest. Ob es einen Unfall gab oder ob eines von jeder Seite in die enge freie Spur gefahren ist, kann ich nicht beurteilen, aber offensichtlich weigern sich beide Fahrer, zurückzusetzen. Die Türen stehen offen, es wird diskutiert. Einer zieht seine Schuhe aus. Ich schalte den Motor aus. Es gibt keine Möglichkeit, die Autos zu umfahren, keinen bessere Weg nach Tartu, und das hier kann eine Weile dauern. Irgendwann steigen drei Männer aus dem Wagen vor uns aus und beginnen, mit den Fahrern in der Mitte der einspurigen Stelle zu diskutieren. Es ist ein ziemlich einmaliger Anblick in diesem Land. Normalerweise sitzen Esten solche nervigen Situationen einfach aus. Und streiten tun sie schon gar nicht. Irgendwann aber setzen die Autos doch noch so weit zurück, dass man sie umfahren kann. Die Männer vor uns springen schnell wieder in den Pickup. Inzwischen hat sich auf jeder Seite der Baustelle eine lange Schlange aus Autos gebildet. 




Am nächsten Tag nehmen wir einen Zug (1,80€ für zwei Personen) in das etwa 30km entfernte Elva. "It is from track number one", erklärt die Ticketverkäuferin, nachdem sie erkannt hat, dass Englisch besser funktioniert - aber sicherheitshalber nochmal an mich gewandt auf estnisch: "Esimene teel."

Die Kleinstadt liegt um einen See, hat eine kleine hübsche Kirche, eine sehr schöne Sängerbühne im Wald und natürlich politische Probleme. Zwei Monate vor den Kommunalwahlen brach ein so großer Streit darüber aus, ob ein neuer großer Supermarkt gebaut werden soll, dass die Bürgermeisterin aus ihrem Amt enthoben wurde und neu gewählt wurde. Anfang Oktober sind dann die regulären Wahlen, wobei aber gerade Dörfer zusammengelegt werden. Die Bürgermeister, die dadurch ihre Jobs verlieren, bekommen ein Jahresgehalt ausgezahlt, dass der Bürgermeisterin von Elva nun entgangen ist. So funktioniert Korruption. Legt die Gemeinden zusammen, dann bekommt ihr Geld. 



Von diesen Problemen bekommen wir allerdings nichts mit, da die aktive Wahlkampfphase begonnen hat. Alle Wahlplakate mussten in den letzten zwei Tagen abgenommen werden. Die großen gelb-blauen Poster der Reformpartei, die bisher so dominant waren, sind nirgendwo mehr zu sehen.



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